Beobachten und Bewerten.

Jetzt, wo es wieder angenehm warm draußen ist, sitzen meine Frau und ich gerne nach dem Mittagessen auf unserer Garten-Terrasse, trinken Kaffee und lesen die Zeitung. Ein Garten ist ja zum Entspannen da, aber nicht nur. Ein Garten will auch gepflegt werden. Und so kann es passieren, dass wir gerade die Ruhe genießen wollen, während einer der Nachbarn den Rasen mähen muss. „Einer mäht immer“, seufzen wir dann und lesen weiter. Wir haben nämlich irgendwann beschlossen uns darüber nicht mehr zu ärgern, und festgestellt: „Einer mäht immer“ ist wie ein Lautstärkeregler, der das Motorengeräusch des Rasenmähers leiser stellt. Außerdem lächeln wir bei dem Spruch, wenn auch manchmal gequält, aber es ist doch ein Lächeln.

Die Bewertung entscheidet darüber, ob eine Beobachtung Ärger auslöst oder ein Lächeln.

Eine Beobachtung ist zunächst wertfrei. Zum Beispiel: ich sehe etwas. Das Auge nimmt etwas wahr und im Gehirn entsteht zuerst ein neutrales Bild davon. Ich sehe eine blühende Blume in der Wiese. Ich sehe eine Zigarettenschachtel auf dem Gehsteig liegen. Dass es nicht beim neutralen Bild bleibt, spüren wir sofort beim Lesen der letzten beiden Sätze. Eine leere Zigarettenschachtel am Gehsteig ist Umweltverschmutzung. Und wer so etwas macht, gehört bestraft und es wäre gut, wenn man hätte sehen können, wer das war, dann hätte man ihm gleich die Meinung sagen können. Und überhaupt: Rauchen ist sowieso schädlich. Bei der blühenden Blume in der Wiese ist die ausgelöste Reaktion deutlich geringer. Und um den Verursacher dieses schönen Anblicks macht man sich im Allgemeinen wenig Gedanken.

So wird jedes Bild in unserem Gehirn sofort bewertet. Und das ist öfter gut so. Wenn ich eine Straße überqueren möchte und ein Auto kommen sehe, dann ist es ja sehr vorteilhaft, dieses Bild rasch als Gefahr zu bewerten und stehen zu bleiben. Dieses lebenswichtige Konzept des raschen Bewertens kann aber auch in vielen Lebenssituationen zu falschen Schlussfolgerungen führen oder einfach Ärger auslösen, der nicht notwendig wäre.

Eine Bekannte von uns hat bei ihren Spaziergängen in den Donauauen immer ein Plastiksackerl mit. Dort kommt der Abfall hinein, den sie entlang der Donau findet. Und es macht ihr große Freude, den gefundenen Mist ordnungsgemäß zu entsorgen. Andere freuen sich über die Pilze, die sie finden, unsere Bekannte über den Müll. Die Beobachtung, dass eine leere Coladose im Wald liegt, löst bei ihr keinen weit um sich greifenden Zorn über den aus, der die Dose dort hingeworfen hat, sondern eine Sammlerfreude.

Wer seiner Seele Gutes tun will, kann seine Bewertungen überprüfen und ändern. Dadurch können Geräusche (Rasenmäher) leiser, Nachbarn zu Freunden, Müll zu Sammelgut und große Aufreger zu einem kleinen Lächeln werden.

Hast du auch eine schöne Geschichte zu Beobachten und Bewerten? Dann schreib sie uns doch.

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