Brief des kleinen Martin ans Christkind

Liebes Christkind,

du kommst ja jetzt bald und da darf man sich etwas wünschen. Eigentlich wollte ich mir ja ein neues Handy wünschen, weil meines jetzt schon 1 Jahr alt ist und da werde ich sicher nach Weihnachten von meinen Schulfreunden verspottet deswegen. Aber jetzt habe ich doch einen anderen Wunsch. Mir ist nämlich aufgefallen, dass in letzter Zeit immer mehr gestritten wird. Meine Mama hat vor 2 Wochen ihren Bruder einen „ignoranten Asozialen“ geschimpft und hat ihn hinausgeworfen, weil er sich nicht impfen lassen will. Und mein Papa wird immer voll wild, wenn er sich im Fernsehen die Nachrichten anschaut. Da sagt er Sachen, die dürfte ich nie im Leben sagen. Meine Lehrer und die Lehrerinnen sind auch voll gestresst und müssen deshalb ziemlich viel herumschreien.

Also, liebes Christkind: Wie du sicher schon bemerkt hast, gefällt mir das alles gar nicht. Was ich so höre, gäbe es ziemlich viel zu tun auf dieser Welt, damit alle friedlich und gesund leben können. Und ich glaube nicht, dass wir da mit Streit und Ärger und Stress was weiterbringen werden.

Jetzt habe ich aber in der letzten Religionsstunde etwas Schönes gehört. Da hat es ja einen weisen König gegeben, den König Salomo. Und dann hat uns der Reli-Lehrer erklärt, wieso der Salomo so weise war. Der hat sich nämlich vom lieben Gott etwas wünschen dürfen. Ein Handy hat es ja damals noch nicht gegeben, aber er hätte sich ja Gold und was weiß ich für einen Reichtum wünschen können oder so viel Stärke, dass er alle seine Feinde niederhauen kann. Aber das hat sich dieser Salomo alles nicht gewünscht, sondern er hat zum lieben Gott gesagt: „Schenke mir ein hörendes Herz!“.

Zuerst haben wir alle gelacht, weil ein Herz mit Ohren schaut ja wirklich komisch aus. Aber dann ist mir doch klar geworden, dass das was Wunderbares sein muss, so ein hörendes Herz. Damit könnte man dem anderen besser zuhören und käme dann vielleicht drauf, dass er gar kein „ignoranter Asozialer“ ist, sondern nur ein bisschen anders denkt, als man selber. Warum soll denn der Andere nicht anders denken, wenn er schon „der Andere“ genannt wird? Und vielleicht werden unsere Lehrer und Lehrerinnen wieder etwas ruhiger, wenn es in ihrem Leben jemanden gibt, der so ein hörendes Herz hat. Und vielleicht finden wir dann leichter Lösungen für die Probleme auf der Welt, wenn Menschen mit hörendem Herzen auch die Leisen und Unauffälligen in dieser Welt hören. Und wahrschlich ist es sogar gut, wenn man mit hörendem Herzen das Gebrülle der Lauten anhört. Dann kann man vielleicht spüren, was denen weh tut und warum sie so brüllen müssen.

Also, liebes Christkind, ich glaube du weißt schon, was ich mir wünsche. Bitte schenke mir so ein hörendes Herz. Aber jetzt bin ich gleich etwas unverschämt: Bitte schenke auch meiner Mama und meinem Papa eines und wenn du schon dabei bist, dann gleich auch meiner Schwester (der besonders).

Und vielleicht hast du dann ja noch ein paar von diesen Dingern übrig für die Lehrer und die Politiker.

Danke, liebes Christkind.

Dein Martin

PS: Wenn sich ein Handy auch noch ausgeht, bin ich auch nicht traurig!

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