Gebet eines Raunzers

In einer Novene von Tilmann Beller, dem profunden Kenner und Lehrer der Kentenich-Pädagogik haben wir ein originelles Gebet gefunden. Den Titel „Gebet eines Raunzers“ haben wir ihm gegeben. Für alle Nicht-Wiener: Ein Raunzer ist jemand, der viel jammert und nörgelt. Nach dem Lesen des Gebets, weiß man, was ein Raunzer ist, und wahrscheinlich erkennt man auch ein Stück von einem Raunzer in sich selbst. Uns hat es jedenfalls nachdenklich gemacht!

Lieber Gott!

Das Leben ist schwer. Die Menschen sind schlecht. Jeder denkt an sich, nur ich denk an mich. Lieber Gott, wir leben in schweren Zeiten. Überall ist Krieg. Und unsere Nachbarn sind auch nicht gerade einfach. Lieber Gott, im Beruf könnte es auch besser gehen. Und die Kinder machen uns Sorgen. Lieber Gott, wenn ich an deine Kirche denke, dann will ich lieber gar nicht erst anfangen. Die einen streiten mit den anderen. Wie soll das weitergehen? Und es gibt nur wenige, die den Priesterberuf annehmen. Und viele treten aus der Kirche aus. Und das und vieles andere müsste endlich einmal gesagt werden. Und es muss immer wieder gesagt werden.

Lieber Gott, bist du wirklich ein Gott der Freude? Bist du wirklich ein Gott, der lächeln kann, wenn er sieht, wie die Menschen sind? Bist du wirklich die Liebe, die alles verwandelt? Lieber Gott, ich bin so traurig. Und wenn ich traurig bin, sollen es auch die anderen sein. Darum habe ich mir vorgenommen, viel und eifrig über das Elend der Welt zu sprechen. Das ist mein Programm. Ich habe aber ein wenig das Gefühl, dass du dir mein Verhalten und Reden anders vorstellst. Ich höre dich sagen: Nimm dich nicht so wichtig, ich bin auch noch da. Und ich höre, dass in der Umgebung von Pater Kentenich sehr viel gelacht wurde.

Ob ich das lernen kann? Vielleicht ist es sogar ganz einfach. Wir sind immer wieder zusammen an unserem Familientisch. Mein Ehepartner und ich und die Kinder. Da gibt es viel zu besprechen, vieles, was ernst ist. Schließlich muss es ja einmal gesagt sein. Ich habe zwar die Erfahrung gemacht, dass es nicht viel hilft. Ist das nicht schlimm? Man sagt, wie schlimm alles ist, gibt den Kindern haufenweise Ermahnungen, kritisiert den Ehepartner, und alles bleibt beim Alten. Freilich, lieber Gott, das muss ich schon sagen: Ich bin ein wenig verliebt. Ein wenig habe ich mir selbst die Krone der Märtyrer auf das Haupt gesetzt. Ich bin verliebt in meine Leiden. Dann sollen sich die anderen auch in meine Leiden verlieben. Oder meinst du es anders? Man sagt, in der Umgebung von Pater Kentenich wurde viel gelacht. Da wäre ich tatsächlich neugierig, wie das wirklich war.

Amen.

Und demnächst etwas mehr darüber, dass in der Umgebung von Pater Kentenich sehr viel gelacht wurde.

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